Zwei Glorreiche Halunken auf Koreanisch

Filmkritik zu The Good, The Bad, The Weird

11.01.2010 Dominik Krug

Ein Western aus dem Osten? Nichts ist unmöglich in diesem Film von Kim Jee Woon aus dem Jahr 2008 - aber kann er damit The Good, The Bad & The Ugly vom Thron stürzen?

Go West. Was die Petshop Boys schon Mitte der 90er wussten, hat jetzt offensichtlich auch der asiatische Raum für sich entdeckt. Nach Sukiyaki Western Django (2007) von Japans Vielfilmer Takashi Miike, lief auf dem diesjährigen Fantasy Film Fest Nights The Good, The Bad, The Weird von Kim Jee Woon, der im Vorjahr in Cannes debütierte.

Der Titel macht bereits deutlich, welches große Sergio Leone Vorbild hier angepeilt wurde. Dass der große Klassiker The Good, The Bad and The Ugly (1966) mit diesem Film nicht erreicht werden kann, verwundert sicher niemanden. Ob dieses Werk aus Südkorea jedoch nicht vielleicht eine ganz eigenständige, funktionierende Interpretation darstellt, steht zur Debatte.

Regisseur Kim Jee Woon und sein Ensemble

Kim Jee Woon, der bislang vor allem mit A Bittersweet Life (2005) und A Tale Of Two Sisters (2003) überzeugen konnte, wirft uns hier zurück in den Manchurei-Konflikt um 1930.

Park Chang-i bzw. the Bad (Eiskalt: Lee Byung-hun, der bereits in A Bittersweet Life mit Kim Jee Woon zusammengearbeitet hatte) wird angeheuert, um eine Schatzkarte zu stehlen.

Als er jedoch mit seiner wilden Bande Desperados die Eisenbahn überfällt, die den hohen japanischen Würdenträger mit der Karte transportiert, kommt ihm Yoon Tae-goo alias the Weird zuvor (Skurril: Song Kang-ho, der das erste Mal in Park-Chan Wooks Sympathy For Mr. Vengeance (2002) auffallen konnte und auch im Monsterfilm The Host (2006) eine gute Figur gemacht hat), der kurzerhand die Zuginsassen ausnimmt und dann flüchtet.

Aufgehalten werden the Bad und the Weird schließlich vom Kopfgeldjäger the Good (Abgebrüht: Jung Woo-sung, bekannt aus The Restless (2006)), der sich zwischen die Fronten stellt.

Eine ständig hin -und her wogende Verfolgungsjagd entbrennt, gespickt mit hoch spannenden Shootouts, einer Prise Klamauk und durchdacht choreographierter Action, an deren Ende die Frage steht: Wer wird von den Dreien der Letzte sein, der auf den Beinen bleibt?

Ein Hybrid aus Eastern und Western

Auf den ersten Blick sind alle Elemente vertreten, die einen überzeugenden Western ausmachen: revolverschwingende Schurken, heldenhafte Kopfgeldjäger mit Zigarette im Mundwinkel, Geisterstädte, wahre Männerfreundschaften, offene Prärie, ein Haufen Pferde. An einigen (wenigen) Stellen wirkt dies natürlich arg gewollt und plakativ über einen Film gestülpt, der im Herzen ein Eastern bleibt.

Im Gegensatz zu Miikes überdrehten bis absurden Fantasywestern Sukiyaki Western Django funktioniert die Synthese hier jedoch deutlich besser, wirkt in sich stimmig und glaubwürdig. Obligatorische Eastern-Kampfeinlagen und die Errungenschaften, die das frühe 20. Jahrhundert mit sich brachte (Motorräder, automatische Feuerwaffen, etc.) hingegen vermögen es diesen Eastern/Western-Hybriden gut von der breiten Masse seiner eigentlichen Vorbilder abzuheben.

Eine einzige atemlose Verfolgungsjagd

Die Handlung ist bereits zu Beginn furios inszeniert und zieht einen schnell in ihren Bann. Der Macguffin, die ominöse Schatzkarte, ist dabei das Objekt jeder Begierde. Die eigentliche Verfolgungsjagd beginnt nach einer knappen halben Stunde und dauert de facto bis zum Ende des Films an, was atemlose Action verspricht. Dennoch schleichen sich bei 135 Minuten Spieldauer gerade in der Mitte einige Längen ein, in denen das flache Storygerüst bedrohlich wankt.

Dafür sind die Actionsequenzen durch die Bank fulminant in Szene gesetzt und steigern sich im Verlauf an Intensität und Schauwert. Natürlich ist der fernöstliche Humor wie immer ein Thema für sich. Wer sich aber mit einigen (wenigen) Slapstickeinlagen und typischem Overacting der bewusst comichaft gezeichneten Figuren anfreunden kann, kann beruhigt sein.

Denn: Gerade das letzte Drittel des Films entschädigt für jeden Durchhänger und zieht noch einmal alle Register. Die Prelude zum Finale, in der the Bad’s Gangsterbande, the Good, als auch die japanische Armee hinter the Weird in offener Steppe, motorisiert, per pedes oder mit Pferdestärke herjagen, und versuchen sich gegenseitig auszubooten, überzeugt auf ganzer Linie.

Sobald auf musikalischer Ebene Don’t Let Me Be Misunderstood von Santa Esmeralda einsetzt (uns noch gut im Gedächtnis aus dem Kill Bill Vol. 1 Finale), hält es niemanden mehr im Sattel. Die Stunts sind großartig: Als es etwa einem unglückseligen Gangster das Motorrad bei voller Fahrt unter dem Gesäß wegreißt, starrt man zunächst ungläubig auf die Stelle der Leinwand und möchte am liebsten pausieren um sich zu vergewissern, dass der (Stunt-)Fahrer wohl auf ist. Natürlich nur um sich daraufhin den Sturz genüsslich erneut anzuschauen.

Das eigentliche Finale, ganz im Stile des großen Leone-Vorbilds, fällt dann vergleichsweise gemächlich aus – aber sicher nicht weniger schweißtreibend und spannend. Ein Mexican Standoff par excellence erwartet den Zuschauer.

Trostlose Manchurei als Garant für ein Feuerwerk der Sinne

Wie schon angedeutet, handelt es sich zwar um Kim Jee Woon ersten Ausflug ins Western-Genre, dabei hält er aber souverän dessen grundsätzliches visuelles Rezept ein: Er beschert uns weitläufige, vor Einsamkeit strotzende Supertotalen, sträubt sich aber auch nicht, einmal näher an seine Charaktere heranzutreten, inklusive ikonenhafter italienischer Close Ups. Das finale Bild des Mexican Standoffs ist klare Reminiszenz an Leones Werk, funktioniert aber nach wie vor tadellos.

Der stakkatohafte Schnitt von Actionsequenzen gehört ja inzwischen (sehr zum Leidwesen der einen) zum guten Ton – und davon bekommen wir hier reichlich.

Apropos: Auch die musikalische Untermalung weiß uns zu verwöhnen, von ruhigen Rhythmen bis zu den treibenden Klängen vom schon angesprochenen Don’t Let Me Be Misunderstood wird der Zuschauer auf allen Ebenen in den Rausch des Films gesogen.

The Good, The Bad & The Ugly

Auch die Darstellerauswahl trägt letztlich dazu bei. Lee Byung-hun als the Bad hat diesen gewissen Fanatismus in den Augen, der ihn auch gut als the Weird durchgehen lassen würde, kann aber durch Spiel, Mimik und coole Aktionen als Bösewicht überzeugen. Song Kang-ho als the Weird wird zwar als fieser, eiskalter Räuber eingeführt, beweist im Verlauf der Handlung aber Herz und Verstand und ist in jedem Fall Sympathieträger, selbst nach dem finalen Plottwist. The Good (Jung Woo-sung) hingegen bleibt, wenn man ehrlich ist, etwas beliebig und farblos hinter den Erwartungen zurück.

Zwar hat auch er seine großen Szenen, in denen er sich cool über die Dächer einer Stadt schwingen oder es gegen Ende allein mit der japanischen Armee aufnehmen darf, rückt aber über längere Strecken der Handlung in den Hintergrund und wird in sämtlichen Szenen mit the Weird von diesem an die Wand gespielt.

So reicht Jung Woo-sungs Performance leider in keiner Weise an den zwar ebenso wortkargen Clint Eastwood im Original heran, der es im Vergleich jedoch versteht, mit wenigen Worten eine ungeheure Präsenz zu bieten. Schade, aber letztendlich zu verschmerzen, sofern man dabei bleibt, The Good The Bad The Weird als eigenständige Interpretation der Vorlage zu betrachten.

Unterm Strich...

Und man kann getrost bei dieser Feststellung bleiben: Als Hommage an den Klassiker kann The Good The Bad The Weird das Kutschenrad sicher nicht neu erfinden, vermag aber sehr solide auf eigenen Beinen zu stehen.

Die Mixtur aus genormten Westernelementen und Easternversatzstücken ist etwas Besonderes und durch die Bank stimmig. Vor allem überzeugender als das artifizielle und plakativ auf Western getrimmte Ergebnis in Sukiyaki Western Django.

Für Western -und Eastern - Fans beider Lager ist dieses Stück Celluloid gleichermaßen einen Blick wert. Wer sich dennoch unsicher ist, darf einen Blick auf den Trailer werfen, der in erster Linie schon einmal einen Vorgeschmack auf die zu erwartende Action und pompöse Inszenierung gibt.

Fest steht: Der treibenden Kraft des Films kann man sich, sobald er in Fahrt kommt, kaum mehr entziehen. Kurz: Go West. Auch hier ein Erfolgsgarant.

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